Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, aber gehen wir das Ganze mal chronologisch durch. Der Start war eher eine spontane Entscheidung als Ersatz für den ausgefallenen BiMa-Ultratrail und ich bin froh, überhaupt am Start gestanden haben zu können.
Ende Februar bin ich mal wieder umgeknickt, dieses Mal aber zum Glück nicht ganz so schlimm. Bereits nach 2 Wochen konnte ich schon wieder locker ins Lauftraining einsteigen. Viel schlimmer erwischte es mich dann nur 4 Wochen nach dem Supinationstrauma. Also ich konnte nicht mal 2 Wochen trainieren, da meldete sich das Knie. Zwei Tage nach einem Leg Day, bei dem ich es wahrscheinlich bei den Step-Downs etwas übertrieben (zu viel Gewicht und zu tief runter) habe, hängte ich zwei Tage später, trotz eines leichten Ziehens im Knie, bei dem ich mir nicht viel bei gedacht habe, Intervalltraining dran. Die Tage zuvor war ich schon auf den Herkulestreppen unterwegs und das war für mein Knie dann einfach zu viel. Es dauerte über 2 Wochen, bis ich das erste Mal überhaupt wieder ein paar Kilometer unterwegs sein konnte ich und startete erstmal mit einer leichten Wanderung mit meiner Freundin. In der Folgewoche wurden dann immer mal kleine Läufe eingestreut, um zu schauen, ob sich die Quadrizepssehne wieder meldet. Zum Glück meldete sich das Knie nicht mehr und so waren wir Mitte April schon wieder auf einer größeren Wanderung unterwegs. Über 3 Wochen, nachdem der ganze Spaß los ging, konnte ich auch schon wieder 10 km am Stück ohne Probleme joggen – für den Ultratrail beim Bilstein-Marathon war es aber natürlich zu spät. :-(
Vor dem Großglockner-Trail Ende Juli wollte ich aber auf jeden Fall nochmal irgendein Ding machen und irgendwann ploppte mir der Urwaldsteig-Ultratrail in die Augen. Ich wusste sofort, dass es wahrscheinlich keine gute Idee ist, sich gleich für so einen Klopper anzumelden, aber nach einer Beratung durch ChatGPT tat ich es doch. Wobei man bei ChatGPT glaube echt aufpassen muss. Ich glaube, das schmiert einem gerne Honig ums Maul, damit man davon nicht angepisst ist und es weiter nutzt. Ich ließ mir auch gleich einen Trainingsplan erstellen, an den ich mich größtenteils hielt. Nur 2 Wochen vor dem Urwaldsteig grätschte mir der Speed Trail beim Löwenlauf in Bad Zwesten dazwischen. Das war ja eigentlich das Wochenende für den letzten und längsten langen Lauf, sogar von einem Back-to-back-Run war die Rede, aber ich gab beim Speed Trail nochmal richtig Gas und war überrascht, wie gut ich die 33 km durchkam. Eine Woche nach dem Speed Trail und eine Woche vor dem Urwaldsteig ging es dafür auf eine spontane Back-to-back-Wanderung. Sonntags in und um Hann. Münden nochmal ordentlich Höhenmeter gemacht und montags um 4:30 Uhr sind wir zum Sonnenaufgang auf den Dörnberg gewandert.
So stand ich dann da. Am Start. Mit wenig Laufkilometern in den Beinen. Und 66 Kilo- mit 2000 Höhenmeter vor mir. An all das habe ich tatsächlich aber gar nicht gedacht, irgendwie hatte ich schon wieder nur die Zielzeit im Kopf. Vor 5 Jahren brauchte ich 8:18 Stunden für die Strecke und mindestens das wollte ich wieder schaffen. Total bescheuert, das weiß ich jetzt auch. Direkt nach 100 m musste ich auch schon einmal stoppen und alle vorbeiziehen lassen, der GPX-Track war irgendwie nicht auf meiner Uhr zu sehen. Also Aktivität abgebrochen und die Strecke nochmal neu geladen, das ging dann zum Glück sofort. Dabei war der GPX-Track nur als grobe Orientierung gedacht, tatsächlich sollte man sich an die Kennzeichnung des offiziellen Urwaldsteigs halten. Ich denke, das haben nicht alle gemacht, und auch ich kann mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass ich keinen Wegweiser übersehen habe. Gerade auf der ersten Hälfte des Rennens orientierte sich der GPX-Track gerne mal an dem breiten Forstweg und ließ die anspruchsvollen Trails des Urwaldsteigs links und rechts liegen. Folgte man nur dem Track, so hat man sich einige Höhenmeter und äußerst technische Trails erspart.
Die erste Hälfte lief noch ganz gut, aber ich war hier schon wesentlich langsamer unterwegs als noch vor 5 Jahren. Am Verpflegungspunkt nach 33,5 km war ich gestern erst nach 4 Stunden, vor 5 Jahren nach 3:45 Stunden, und der zweite Teil der Strecke ist zwar weniger hügelig, hat dafür aber nochmal richtig lange Up- und Downhills über höhere Berge in sich. Anfangs freute ich mich noch über die Uphills – Gehpausen – aber diese waren immer mal wieder richtig steil und technisch. Insbesondere ca. 1 km vor dem Ziel, wo ich mit den Gedanken schon längst auf dem Sofa war, wurde es ungeplant nochmal richtig eklig. Hier kam auch wieder die Diskrepanz zwischen GPX-Track und Wegweisern ins Spiel. Während der GPX-Track einfach gerade aus dem gut ausgebauten Wanderweg folgte, zeigte der Wegweiser auf einen anscheinend noch nicht ganz so alten Trampelpfad den Hang hinunter. Ich stand da, fast mit Tränen in den Augen: „Das kann doch nicht deren ernst sein!?“ Also quälte ich mich diesen steilen, technischen Abhang hinunter, um mich auf der anderen Seite in die Laufstöcke gepresst wieder hochzuquälen. Bereits 3 km vor dem Ziel und nach dem letzten Aufstieg – dachte ich zumindest – legte ich eine kurze Pause ein. Das war aber tatsächlich die einzige ungeplante Pause während des gesamten Rennens. Einmal beim Regenjacke ausziehen und einmal am Verpflegungspunkt standen meine Beine mal für ein paar Minuten still.
Zum Wetter könnte ich auch noch ein ganzes Kapitel schreiben. Anfangs hat es wie vorausgesagt geregnet und das störte mich wenig. Immer noch besser als die 30° vom Vortag. Zwischendurch sollte mal kurz die Sonne scheinen und dann wieder regnen. Während des Sonnenscheins freute ich mich schon wieder auf den Regen und die willkommene Abkühlung, aber es sollte anders kommen. Der Regen blieb aus, es blieb warm und schwül, nur ein Donnergrollen hat man in der Ferne mal vernommen. Und obwohl ich genug zu trinken dabeihatte, hatte ich mal wieder viel zu wenig getrunken. Deswegen bevorzuge ich auch die Softflask, da kann man immer sehen, wie viel man schon getrunken und was man noch an Reserve hat. Bei der Trinkblase im Rucksack ist das leider nicht der Fall. Allerdings brauchte ich die 2,5 Liter, die ich am VP nach 33,5 km nochmal vollgemacht hatte, auf der langen Strecke und konnte mich somit nicht nur auf die beiden Softflasks vorne in der Weste verlassen.
Nach 8:52 Stunden war ich dann endlich im Ziel und anders als sonst kullerten keine Freudentränen über meine Wangen. Ich war fix und fertig und habe mich erstmal für einige Minuten auf die Mauer gelegt. Der Lauf war aber auch speziell, weil halt privat organisiert und kein Riesenteilnehmerfeld. Ich war eigentlich die ganze Zeit alleine unterwegs und im Ziel erwarteten mich keine Moderation, keine Musik, kein Zielbogen, keine Zuschauer… Das war schon eher eine Expedition als ein Wettkampf und mental sehr herausfordernd. Trotzdem ist der Lauf über den Urwaldsteig wunderschön und ich kann diesen Rundweg um den Edersee jedem nur empfehlen. Jetzt, einen Tag später, blicke ich schon wieder etwas entspannter auf die Zeit von fast 9 Stunden zurück. Nach der Vorgeschichte bin ich megastolz auf mich, es überhaupt bis ins Ziel geschafft zu haben.



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