Montag, 27. Juli 2026

Großglockner Trail 2026 – mein letzter alpiner Ultra?

noch ca. 30 min bis zum Start
Vorbereitung und Verlobung

Die Vorzeichen standen nicht besonders gut. Seit dem Urwaldsteig-Ultratrail am 31. Mai habe ich nicht besonders viele Laufkilometer absolviert. Zunächst stand die Regeneration im Vordergrund und dann „grätschte“ der Urlaub mit meiner Freundin – mittlerweile meiner Verlobten – dazwischen. Also den Urlaub möchte ich gegen keinen Laufkilometer eintauschen. Untätig waren wir da natürlich auch nicht, so bestiegen wir unter anderem unseren Verlobungsberg – den Tschirgant. In den 5 Tagen legten wir mit Hund (bei der Besteigung des Tschirgants blieb er aber natürlich zu Hause) und Rucksack über 4000 Höhenmeter zurück – hoch und natürlich auch wieder runter.
Laufkilometer waren es im gesamten Juni und Juli bis zum Großglockner Trail jedoch nur knapp über 170 und da waren auch nur 4 Läufe um die 20 km dabei. Der einzige kleine Härtetest stand eine Woche vor meiner Alpenexpedition an und dabei lief ich nur 28 km mit 1800 Höhenmeter. Allerdings war die Zeit an dem Tag auch etwas knapp, ich hätte bestimmt noch mehr Runden und Höhenmeter geschafft, das hatte mich zumindest etwas beruhigt.
Dann wollte ich unbedingt noch die Watzmannüberschreitung in meinen Minicamper-Ausflug zum Großglockner Ultra-Trail (GGUT) packen, da ich die Tour im September mit meiner Freundin unternehmen und ich sie (also die Überschreitung) vorher schon mal in Augenschein genommen haben möchte. So ging es eine Woche vor dem Großglockner Trail also nochmal eben über den Watzmann mit seinen 2.200 Höhenmeter (ab Parkplatz Wimbachbrücke) und anschließend hatte ich 3 Tage Muskelkater. Sogar einen Tag vor dem Großglockner Trail merkte ich meine Oberschenkel noch ganz leicht. Da half auch das Regenerieren im Wimbach (direkt nach dem Abstieg 10-15 Minuten bis zur Hüfte im kalten, klaren Bach gekniet), im Naturbad Aschauerweiher, bei der Bootsfahrt über den Königssee, bei den Führungen im Salzbergwerk und Schaubergwerk Leogang oder der Staumauerführung an den Kaprun Hochgebirgsstauseen wenig. Übrigens alles sehr empfehlenswert, bis auf die Abkühlung im Bach.

der erste Anstieg zur Glorer Hütte

Wettkampftag

Am Wettkampftag klingelte um 4 Uhr der Wecker – um 5 Uhr fuhr der Bus zum Startort nach Kals – aber ich war natürlich schon vorher wach. Ausrüstung, Rennstrategie, Verpflegung... das alles ging mir ständig durch den Kopf. Auch, dass ich die letzten Tage durch das Nichtstun so viel Zeit für mich allein hatte, war nicht besonders hilfreich. Ich glaube, deswegen töte ich mein Gehirn auch gerne mit Handy, Netflix oder Videospielen ab, damit es nicht so viel zum Nachdenken kommt. Aber das ist ein anderes, zutiefst psychologisches Thema.
Pflichtausrüstung war natürlich auch ein Thema und ich stand ziemlich bedröppelt da, als ich am Vorabend um 19 Uhr in der Wildnis stand, alles zusammenpackte und sich die Notfallpfeife nicht an der Weste befand. Also schnell nochmal zum Parkplatz am Eventgelände gefahren und verschiedene Läufer gefragt, ob sie noch eine Pfeife übrig hätten. Bereits bei der dritten Gruppe war ich direkt erfolgreich und eine Gegenleistung war nicht erwünscht, obwohl ich darauf bestand. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit sehr gering war, dass genau dieser Ausrüstungsgegenstand kontrolliert wird, wollte ich kein Risiko eingehen. Natürlich wurde die Pfeife vor dem Start nicht kontrolliert.

Ich bin ein ziemlich emotionaler Mensch, manch einer würde wahrscheinlich auch Heulsuse sagen, und so flossen schon eine halbe Stunde vor dem Start bei mir die Tränen. Und ich muss sagen, dass es so schlimm noch nie war, zumindest nicht schon so früh und vor dem Start. Ich musste mich echt zusammenreißen, hier vor all den krassen Sportlern nicht völlig zusammenzubrechen. Für jemanden, der diese Emotionen am Start nicht kennt, ist das wohl schwer nachvollziehbar. All der Selbstzweifel, der Dank, überhaupt hier stehen zu können, die Vorfreude, das monatelange Training, die Stimmung, die Musik... es prasselt einfach alles auf einen ein. Dann noch mein voller Kopf, wie bereits angesprochen, und meine krebskranke Verlobte allein zu Hause, die ich so sehr vermisste, brachten das Fass zum Überlaufen. Ich befürchtete das Schlimmste für das Rennen, aber ich glaube, ich hatte tatsächlich nur einmal dieses Hochgefühl am Berg, bei dem die Augen feucht werden. Erst im Ziel kam es dann wieder über mich.

laufbare Kilometer in der Höhe gab es wenige

Kals am Großglockner – Glorer Hütte (Der Start)

Nun zum Rennen, worum es hier ja eigentlich gehen sollte. Vom Start weg ging es direkt mal 1.330 Höhenmeter nach oben zum ersten Verpflegungspunkt, der Glorer Hütte. Hier überholte uns auch Ida-Sophie Hegemann, die an uns Powerhikern einfach vorbeilief, als würde sie am Bodensee entlang joggen. Dabei hatte sie schon einige Kilo- und Höhenmeter auf dem 84 km langen Osttirol Trail in den Beinen. Sie gewann den OTT übrigens auch mit einem Vorsprung von 2:23 Stunden auf die Zweitplatzierte.
An der Glorer Hütte hatten wir also bereits 1/3 der absolvierten Höhenmeter in den Beinen und ich fühlte mich noch topfit. Anschließend ging es direkt auf einen 7 km langen Trail im Hochgebirge, der einzig wirklich laufbare Teil hier oben. Alles andere war viel zu steil und technisch, um hier von Laufen reden zu können.
 


Blick auf die Pasterze, rechts über dem Staudamm das Glocknerhaus
Glorer Hütte – Glocknerhaus (Nahrungsaufnahme vergessen)

An der Stockerscharte gegenüber der Pasterze hatte man einen wunderschönen Block auf diese und dessen Speicher mit dem Glocknerhaus Kärnten, dem nächsten Verpflegungspunkt. Zunächst musste man aber erst mal über 500 Höhenmeter steil und technisch von hier oben runter laufen.
Am Glocknerhaus passierte mir aber schon der erste Fauxpas, ich vergaß etwas zu essen. Es war so voll und ich war so froh mein Wasser bekommen zu haben, dass ich damit direkt wieder auf die Strecke ging. Dass ich eigentlich immer etwas Wassermelone und Gurke mit Salz an den Verpflegungspunkten zu mir nehmen wollte, ist mir komplett entfallen. Zur Verpflegung später aber mehr, da könnte ich wieder einen ganzen Eintrag für verfassen.


Glocknerhaus – Ferleiten (Vom Schneefeld in die 30°)

Schneefeld nach der unteren Pfandlscharte
Vom Glocknerhaus ging es wieder 650 Höhenmeter nach oben Richtung Untere Pfandlscharte, wo es nochmal richtig spannend wurde. Beim langen Abstieg von dieser musste man ein mehrere hundert Meter langes Schneefeld queren. Also nicht einfach queren, sondern durch dieses absteigen. Während andere sich da auf den Hosenboden setzen, zum Teil auch freiwillig, wählte ich die Pistol Squat-Variante. Auf dem Arsch ein Schneefeld hinunterzurutschen ist nämlich nicht ganz ungefährlich. Man nimmt schnell an Fahrt auf und kann eventuell nicht mehr bremsen, wenn es brenzlig wird. Beim Pistol Squat geht man sozusagen auf einem Fuß in die Hocke und streckt das andere Bein nach vorne. Der Schuh am Boden gibt genug Reibung um nicht ganz so schnell zu werden und mit dem anderen kann man bei Bedarf abbremsen. Irgendwann wurde das Gefälle aber so stark, dass die Bergwacht vor Ort war und mit Seilen ausgeholfen hat. Manche haben sich da echt sehr dämlich angestellt, aber die wurden von der Bergwacht auch aussortiert und nach unten begleitet.
Nach einem wiederholten langen und technischen Abstieg über 1.100 Höhenmeter wurde es richtig öde. Es ging über eine breite Schotterstraße nach Ferleiten, dem vorletzten Verpflegungspunkt. Hier sollte es auch nur Getränke geben, was mir vorher schon bewusst war, aber was das Vergessen der Nahrungsaufnahme am Glocknerhaus noch dramatischer machte. Zum Glück gab es zumindest Salz und Gele. Um nochmal auf die Schotterstraße zu kommen: Es war nicht nur sehr öde auf dieser zu laufen, sondern im Tal waren auch 30° vorausgesagt. Optimale Bedingungen waren das nicht, da war mir die Höhenluft schon lieber.
In Ferleiten verbrachte ich sehr viel Zeit, fast 15 Minuten. Hier musste ich neben meinen Softflasks auch meine Trinkblase füllen und diese nach dem Auspacken wieder in die vollgestopfte, schweißnasse Laufweste zu bekommen, hat mich echt viel Zeit und Nerven gekostet. Im Nachhinein wäre es wahrscheinlich schlauer gewesen, die Weste erst mal komplett auszuräumen. Auch meine Füße habe ich kontrolliert, da meine rechte Fußsohle etwas schmerzte. Ich befürchtete eine Blasenbildung und wollte dieser vorbeugen, aber es war nur eine Hautfalte, die sich bemerkbar machte. Dieses ganze Weste aus und wieder an, Schuh und Socken aus und wieder an, hat mich echt viel mehr Zeit gekostet als erwartet.


30° und öde, breite Schotterwege
Ferleiten – Fusch (Die ersten Erschöpfungsanzeichen)

Von hier aus ging es mit meiner Leistungsfähigkeit auch stark bergab. Bereits auf dem Weg nach Fusch musste ich drei Pausen einlegen, es ging einfach nicht weiter. Ich muss gestehen, dass ich jetzt gar nicht mehr nachvollziehen kann, wieso. Eigentlich schob ich meinen Leistungseinbruch bis eben noch, bevor ich die Laufdaten ausgewertet habe, auf die Magenprobleme, aber die hatte ich doch nicht da schon – oder doch? Mir war auch nicht mehr bewusst, dass ich bereits vor Fusch Pausen einlegen musste. Wäre es da wirklich schon so schlimm gewesen, hätte ich mich dann in Fusch nicht mehr mit dem Thema Ausstieg befasst? Immerhin kam jetzt nochmal ein Berg mit über 650 Höhenmetern und einem krassen, technischen Abstieg. Klar hatte ich in Fusch schon bedenken des anstehenden Berges gegenüber, aber so schlimm?
So langsam dämmert es mir beim Tippen dieser Zeilen doch, dass es mir in Fusch schon gar nicht mehr so gut ging. Ich habe in Fusch meine letzte Salzkartoffel entsorgt, obwohl ich da übelst Lust drauf hatte, aber nach über 12 Stunden im Laufgürtel und den 30° im Tal, habe ich mich nicht mehr getraut, diese zu essen. Zuvor habe ich noch einige Salzkartoffeln gegessen – mehr als geplant – und auf das Gel verzichtet, weil das Gel schon gar nicht mehr so gut runterging.


kurz nach Zieleinlauf
Fusch – Kaprun (Übergeben und weiter?)

Es kam, wie es kommen musste. Bei dem letzten Berg habe ich mich mehrmals setzen müssen und ich habe nichts mehr runter bekommen. Immer mal wieder einen Schluck Iso habe ich mir rein gezwungen, da ich für die letzten Stunden ja irgendwie auch noch Energie benötigte. Mir wurden von einer netten Dame dann Traubenzucker angeboten und ich war froh mal was anderes als Iso oder Gel im Magen zu haben. Dass es danach kurzzeitig bergauf ging, war glaube aber auch nur auf die Psyche zurückzuführen oder vielleicht auch daran, dass der Speichelfluss angeregt wurde. Es wurde dann nämlich irgendwann so schlimm, dass ich mich nur noch übergeben wollte. Da ich aber nichts im Magen hatte, wollte ich mit Wasser nachhelfen. Das war circa 5 km vor dem Ziel und die Bergwacht fuhr gerade vorbei. Man fragte mich, ob es mir gut ginge und es hätte echt nicht mehr viel gefehlt und ich hätte gesagt, dass sie mich heimbringen sollen – 5 Kilometer(!!!) vor dem Ziel!!! Nachdem ich aber einige große Schlucke aus der Trinkblase genommen hatte, eigentlich um mich zu übergeben, ging es mir urplötzlich besser – mein Magen beruhigte sich. Anschließend lief es also wieder besser, trotzdem lief ich mit angezogener Handbremse. Mein linkes Knie meldete sich wieder, genau wie beim Urwaldsteig-Ultratrail, und ich hatte Angst, dass mein Magen bei zu vielem Herumgehopse wieder doof macht.
Dabei war der letzte technische Abstieg genau meins. Weniger alpines Hochgebirge, sondern eher bewaldetes Mittelgebirge. Kann man nichts machen und ich war heilfroh, überhaupt wieder laufen zu können und dem Ziel entgegenzukommen.
Im Ziel dann wieder die absolute Ekstase. Die Tränen überkamen mich und ich setzte mich abseits des Trubels in eine Ecke. Ich versuchte mich zu verstecken, aber der Platz war so voll, dass das nicht möglich war. Ein anderer Finisher kam auf mich zu und fragte mich, ob er mir etwas bringen kann und wie stolz ich auf mich sein kann. Das war ich, das konnte man glaube auch sehen. Ich freute mich über die Cola, die zu mir gebrachte wurde, und machte mich später irgendwann, nachdem ich mich etwas erholt hatte, auf dem Weg zum Essen und Duschen.




Analyse und abschließende Worte

3,5 Stunden für die letzten 15 km 🙈
Am Ende wurde ich tatsächlich noch 305. von 554 Starter*innen. Wenn ich bedenke, wie schlecht es mir am Ende ging und wie viel Zeit ich da verloren habe, war das Rennen bis dahin ja phänomenal gut und ich kann mit der Platzierung äußerst zufrieden sein. Man sieht auch an den Abschnittszeiten, wie viel schlechter ich gegen Ende des Rennens wurde. Beim Abschnitt vom Glocknerhaus nach Ferleiten wurde ich noch 151., danach erreichte ich aber nur noch Platzierungen um die 300.

Aber wieso sollte das jetzt eigentlich mein letzter alpiner Ultra sein? Ganz einfach, der Lauf war gegen Ende die Hölle. Ich schwor mir, dass ich diesen Scheiß nie wieder mache. Der ganze Aufwand und die Vorbereitung, das monatelange Training, nur um sich jetzt hier durch die Wildnis zu quälen. Dann bleibe ich doch lieber bei den weniger harten Ultras im Mittelgebirge, die eigentlich schon Herausforderung genug sind. Und wie denke ich jetzt darüber?
Nachdem ich zur Ruhe kam, habe ich die ganzen Probleme einmal analysiert, auch mit Hilfe der KI. Dass es mir nach der Wasseraufnahme urplötzlich besser ging, lässt eigentlich nur eine Schlussfolgerung zu – ich habe mal wieder viel zu wenig getrunken. Das Problem ist mir bekannt und ich hatte eigentlich einen strikten Plan: alle halbe Stunde ein halbes Powergel Hydro von Powerbar oder eine halbe Salzkartoffel, an jedem Versorgungspunkt, also circa alle 2 Stunden, müssen beide Softflasks mit hochdosiertem Iso+ von Decathlon leer sein, damit ich diese wieder auffüllen kann, und jeden verdammten Kilometer werden 1-2 große Schlucke aus der Trinkblase mit reinem Wasser genommen. Während die Aufnahme mit Iso und Gels nach Plan funktionierte, bis zum Ende hin, wo nichts mehr ging, fiel das Trinken wieder viel zu spärlich aus. Das merkte ich eigentlich schon in Ferleiten, als ich meine Trinkblase auffüllte und da noch erschreckend viel drin war. Dass das aber wohl das Übel der ganzen Probleme war, das war mir da noch nicht bewusst. Anfangs trank ich noch regelmäßig, wenn auch schon weniger als geplant, aber später geriet es wieder komplett in Vergessenheit. Das Resultat war, dass der Magen die Zuckersiruppampe aus Gel und Iso nicht mehr abtransportieren und verarbeiten konnte. Außerdem benötigt der Körper die Energie in den Beinen und zum Schwitzen und zieht dabei das Blut aus den Verdauungsorganen ab. Bei Dehydration fährt die Magenaktivität dann fast vollständig herunter. (Quelle: Google Gemini)
Das Kniethema sollte sich eigentlich von allein beheben, wenn ich den Leg Day regelmäßig und konsequent absolviere. Hier handelt es sich um eine Reizung des Tractus iliotibialis (ITBS) oder umlegender Strukturen. (Quelle: ChatGPT)

Das sind ja eigentlich keine unlösbaren Probleme und jetzt, wo ich das weiß, kann ich daran arbeiten, damit es beim nächsten Mal besser läuft.